Ein Kapitel aus George Sands Buch – Lelia-

Dienstag, den 19. Januar 2010

Ich möchte ein Kapitel aus Lelia von George Sand präsentieren! Es ist heftig, und bitte die ihr mich kennt und die ihr wißt, dass ich gläubig bin: ich habe meinen Glauben nicht verloren, dennoch wie dieses “Gebet” geschrieben wurde,.. es ist so ehrlich. Und ich mag ihre Verschwendung der Wörter! sie schöpft alles aus! Ich war beeindruckt, deswegen dürft ihr nun lesen. Wenn ihr mögt! ;-)

AN GOTT (Lelia singt dieses Gebet in diesem Kapitel)

Was habe ich denn getan, dass dieser Fluch auf mir lastet? Warum hast du dich von mir zurück gezogen? Den untätigen Pflanzen verweigerst du die Sonne nicht, den winzigen Gräsern auf den Fluren nicht den Tau; du gibst den Staubfäden einer Blume die Kraft zu lieben und der dummen Sternkoralle Empfindungen von Glück. Und mir, einem Geschöpf deiner Hände, das du mit offensichtlichem reichtum ausgestattet hast, mir hast du alles genommen, mich hast du schlechter behandelt, als deine gefallenen Engel; denn ihnen bleibt die Kraft zu hassen, dich zu lästern, und selbst die habe ich nicht. Du hast mir schlimmer mitgespielt als dem Schlamm dem Baches, als den Steinen auf dem Weg, denn man tritt sie mit Füßen, und sie fühlen es nicht. Ich aber fühle, was ich bin, und kann in den Fuß nicht beissen, der mich niedertritt, die Verdammnis nicht abschütteln, die auf mir liegt wie ein Berg.

warum behandelst du mich so, unbekannte Macht, und legst du deine eiserne Hand auf mich? Warum hast du mich als Frau auf die welt kommen lassen, wenn du mich wenig später in einen Stein verwandelst und mich nutzlos sein läßt außerhalb der Gesellschaft? Willst du mich über alle erheben oder mich herabsetzen unter alle, dass du mich so gemacht hast, o mein Gott! Wenn dies ein auserwähltes Schicksal ist, so mache doch, dass es mir süß sei und ich es trage ohne Leiden; wenn es eine Züchtigung ist, warum hast du sie mir auferlegt? Ach, ich war schuldig, bevor ich geboren ward!

Was ist das bloß für eine Seele, die du mir gegeben hast? Ist es das, was man die Seele eines Dichters nennt? Schneller als das Licht und unsteter als der Wind, immer begierig, immer unruhig, immer keuchend, immer außerhalb ihrer Selbst auf der Suche nach Nahrung für ihr Weiterleben, die sie indessen ganz aufzehrt, bevor sie sie auch nur gekostet hat! O leben, o Qual! Nach allem trachten und nichts erfassen, alles verstehen und nicht besitzen! Zur Skepsis des Herzens gelangen wie Faust zur Skepsis des Geistes! Ein Schicksal noch unglücklicher als des Faust, denn er bewahrt in seinem Schoß den Schatz der jungen brennenden Leidenschaften, die ausgebrütet wurden unterm Staub der Bücher und schliefen, solange die Intelligenz wach war; und als Faust der Suche nach Vollkommenheit und des Nichtsfindens müde wurde, da hält er inne und ist kurz davor, Gott zu fluchen und zu leugnen, und zur Strafe schickt Gott Ihm den Engel der finsteren, unheilvollen Leidenschaften. Der Engel hängt sich an ihn, bringt ihn vom Wege ab, verschlingt ihn, und der alte Faust tritt ein ins Leben, jung, kraftvoll, verdammt, schuldig zu sein, doch allmächtig! Es war mit ihm so weit gekommen, dass er Gott nicht mehr liebte, aber nun liebte er Margarethe. Mein Gott, gib mir den Fluch des Faust!

Denn du genügst mir nicht Gott!, Das weißt du sehr gut. Du willst für mich nicht alles sein! Du offenbarst dich mir nicht genug, dass ich von dir besitz ergreife und mich an dich binde. Du ziehst mich an, umschmeichelst mich mit dem Balsamhauch deines himmlischen Windes, lächelst mir aus goldnen Wolken, erscheinst mir in meinen Träumen, rufst mich, spornst mich immerfort an, zu dir mich aufzuschwingen, hast aber vergessen mir Flügel zu geben. Wozu hast du mir eine seele gegeben, die sich nach dir sehnt? Du entwindest dich mir ohne Unterlass, verhüllst den schönen Himmel und die schöne Natur mit schweren, düsteren Dünsten; über die Blumen läßt du Südwind streichen, der sie verdorrt, und gegen mich läßt du Nordwind blasen, der mich bis aufs Mark zu Eis gefrieren läßt und betrübt. Du gibst uns Nebeltage und sternenlose Nächte, verwüstest das arme Universum mit Stürmen, die uns erregen, uns trunken machen, uns wider unseren Willen kühn und skeptisch machen! Und wenn wir uns in diesen traurigen Stunden dem Zweifel uns ergeben, dann weckst du in uns Gewissensbisse und legst den Vorwurf in alle Stimmungen des Himmels und der Erde!

Warum nur, warum hast du uns so gemacht? Welchen Nutzen ziehst du aus unserem Leid? Mehrt unsre Erniedrigung und unser Nichts denn deinen Ruhm? Braucht der Mensch denn diese Martern, um  sich den Himmel zu wünschen? Ist denn die Hoffnung eine gebrechliche, blasse Blume, die nur zwischen Felsen und unter Gewitterstürmen gedeiht? Du kostbare Blume, du süßer Duft, komm wohne in diesem verdorrten, verwüsteten Herzen! Ach vergebens und lange schon versuchst du, es zu verjüngen, deine Wurzeln finden keinen Halt in diesen ehernen Wänden, die eisige Atmosphäre vertrocknet es, die Stürme reißen dich aus und werfen dich, welk geworden, auf die Erde! O Hoffnung, kannst du nicht wiedererblühen für mich?…

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